Heute führte uns unsere Reise zum Township Langa. Dies ist das älteste Township der Kapregion. Es ist nicht das größte seiner Art. Khayelitsha ist mit etwa 1,5 Millionen Menschen die größte Ansammlung von ärmlichen Behausungen. Blechhütte an Blechhütte reihen sich hier aneinander, wenn man auf der Autobahn N2 aus Kapstadt herausfährt. Zwanzig bis dreißig Autominuten nur absolute Armut. Menschen, die über die Autobahn zum gegenüberliegenden Teil laufen und Kinder, die neben der Autobahn Fußball spielen. Einfache Blechhütten, darüber ein Wirrwarr von unzähligen Stromleitungen, Sat Schüsseln und zur Autobahn hin massenhaft Dixi Klos in einer Reihe. Da ist Langa mit seinen etwa 80.000 Bewohnern anders. Ganz anders.
Der Name Langa ist auf einen ehemaligen König des Landes zurückzuführen. Es war der älteste politische Gefangene zur Zeit der Apartheid. Er verbrachte 38 Jahre auf der Gefängnisinsel Robben Island.
Wir waren mit Jörg und dem Guide Odwa verabredet. Jörg schrieb im Vorfeld: "Wir treffen uns beim Langa Kulturzentrum. Es ist sicher dort, es gibt Parkplätze und einen Mann (im Rollstuhl), der dein Auto bewacht." Jörg ist ein bemerkenswerter Mann. Trotz seines Ruhestandes bringt er sich hier ein und gründete das Waisenhaus, das wir am Ende der Tour besuchten.
Der Mann im Rollstuhl wies uns einen Parkplatz zu und weiste uns ein. Anmerkung: Mit einem Rechtslenker rückwärts einzuparken muss ich noch einmal üben ;-)
Noch eine Anmerkung: Alle hier gezeigten Fotos sind abgesprochen und von den betroffenen Menschen erlaubt und gewünscht. Die Fotos sind stellenweise sehr persönlich. Sie möchten gesehen und wahrgenommen werden.
Es verbinden sich soviel Gerüchte und Klischees, wenn man von Slums oder Townships spricht. Viele denken, es sei ein Hort der Kriminalität. Das es ganz anders ist, erfuhren wir durch Odwa und durch die eigenen Erfahrungen mit den Bewohnern. Direkt am Anfang sagte Odwa, wir sollen mit den Menschen interagieren. Wir sollen fragen und die Distanz aufgeben. Und wir sollen grüßen. Es sei eine Form des Respekts, immer zu grüßen. Und er brachte uns gleich den Tagesgruß in der Sprache Xhosa bei - Mholweni (emini nje). Und das Wort Danke (Enkosi). Wir konnten es oft nutzen.
Was wir sehr schnell erlebten war, dass Langa kein Ort ist, sondern eine Lebenseinstellung. Wer in Langa geboren und aufgewachsen ist, wird es nie verlassen. Man zieht in bessere Sektionen. Es gibt auch Geschäftsleute, Prominente, Anwälte usw. Sie alle bleiben und wechseln nur die unterschiedlichen Bereiche. So auch Odwa, der fünf der zwölf Nationalsprachen Südafrikas beherrscht.
Odwa führte uns erst in das Begegnungszentrum. Es ist ein offenes Haus. Jeder ist willkommen und kann sich hier unentgeltlich seinen Neigungen widmen oder unterrichten lassen. Hier gibt es verschiedene Kunstwerkstätten, Orte für Musik und Tanz und allgemeine Weiterbildungen. Wir besuchten eine Werkstatt, in der aus ausgedienten Dingen Schmuck hergestellt wird, zum Beispiel den Tasten einer PC Tastatur. Wir nahmen an einem Crash Kurs mit Trommeln teil. Ich fand sogar den Ort, an dem die vielen Vuvuzelas der Fußball WM 2010 endeten ;-)
Der nächste Halt war das Apartheid Museum. Es war früher ein Ort, in dem weiße Richter über angebliche Verfehlungen von Black oder Coloured People richteten. Es war der Ort, an dem die DomPässe ausgestellt wurden. Der "Dompass" war ein wesentlicher Teil der Diskriminierung. Nichtweiße Menschen brauchten einen Dompass, den sie immer bei sich tragen mussten. War er nicht sofort griffbereit oder gar woanders, gab es eine Strafe bis hin zur Inhaftierung. Es war nicht nur ein Personaldokument, sondern eher eine Personalakte, die alle persönlichen Dinge eines Menschen dokumentierten. Das erklärt auch, warum es soviel Widerstand gegen die Ausstellung des Passes gab.
Odwa brachte uns dieses dunkle Kapitel der Geschichte seines Landes sehr anschaulich wieder. In unserer Besuchergruppe machte sich immer mehr Betroffenheit bemerkbar. Geschichten von Menschen, die unbewaffnet friedlich demonstrieren wollten und mit Gewalt davon abgehalten wurden oder gar erschossen wurden. So etwas kann einen nur wütend machen.
Der nächste Teil der Tour führte uns durch die verschiedenen Wohnviertel von Langa. Wir besuchten kleine Shops und Wohnungen von Menschen, die in Überseecontainern oder viel zu kleinen Mehrfamilienhäusern wohnen. Ein Container ist in der Regel durch dünnes Holz in der Mitte geteilt und bietet zwei Familien ein Zuhause. Eine Matratze, eine Kochstelle, ein Kühlschrank. In der Nacht schlafen Kinder auf dem Boden und die größeren und Erwachsenen auf der Matratze. Es gibt keine Isolierung und keine Heizung. Mal ist es brütend heiß und mal richtig kalt. Die Menschen in den gemauerten Häusern haben es da geringfügig besser.
Wie schon beschrieben, gibt es auch das bessere Viertel in Langa, genannt "Beverly Hills". Nur wenige Gehminuten von anderen Häusern getrennt leben hier Menschen, die es "Raus" geschafft haben, aber trotzdem geblieben sind.
Das Ziel unserer Tour war dann das Waisenhaus. Zur Zeit leben hier 27 Kinder. In der Regel sind alle Kinder vaterlos. Väter machen sich gern aus dem Staub und übernehmen keine Verantwortung. Oder sie finden woanders eine Arbeit und gründen dort eine neue Familie. Die Mütter wurden oft Opfer von Drogenkonsum oder Gewalt. Was für ein Glück für die kleinen Erdenmenschen, wenn sie hier an diesem besonderen und hellen Ort landen.
Jörg ist ehrenamtlich engagiert. Sein "Werk" soll in Zukunft an das Personal übergeben werden. Das funktioniert erst, wenn die finanzielle Absicherung gewährleistet ist. Staatliche Anerkennung und Unterstützung sind versprochen. Wie sagt man hier so schön: Die Europäer haben die Uhr, wir Südafrikaner haben die Zeit. So ist er immer noch auf Spenden angewiesen. Laufende Kosten wie Strom, Wasser, Lebensmittel und Kleidung werden über Spenden finanziert.
Inge und ich haben heute gespendet. Darunter war auch ein Betrag, der von meiner Nachbarin und ihrer Tochter mitgegeben wurde. Jetzt kommt mein einziger Appell an euch auf dieser Reise: es geht auf Weihnachten zu. Hier habt ihr die Gelegenheit, dass eine Spende 1:1 dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Keine Verwaltungsgebühren, keine Gehälter. Eure Spende geht direkt in den Kauf von Lebensmitteln und den Unterhalt des Waisenhauses. Ihr könnt etwas tun. Überweist per Paypal an mich acor@kniely.de und ich überweise es auf das Spendenkonto. Oder ich gebe es zum Jahreswechsel persönlich vor Ort ab. Denn ich bin nicht zum letzten mal dort.
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